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Aldus Pius Manutius

Σπεῦδε βραδέως

Aldus Pius Manutius wurde um 1449  (i) Fletcher: New Aldine Studies. San Francisco: Rosenthal, 1988, p. 27 erörtert das Geburtsdatum: die Angaben schwanken zwischen 1447 und 1452. zu Bassiano bei Sermoneta im Kirchenstaat nahe Rom als Sohn von Antonius Mandutius geboren, weshalb er sich meist Romanus nannte. Er hörte in Rom Vorträge von Domizio Calderini und studierte Latein bei Gaspare da Verona sowie in Ferrara Griechisch bei Battista Guarino. Später wurde er Tutor der Neffen Pico della Mirandolas, Alberto und Lionello Pio, Prinzen von Carpi; zu dieser Zeit nahm er auch den Beinamen Pius an und faßte, unterstützt durch finanzielle Hilfe von Alberto Pio, den Entschluß, zu Venedig eine Druckerei für die Verbreitung der antiken Schriften, und vornehmlich die der Griechen, aufzubauen.

So verbrachte er wohl zwei Jahre, um Kontakte zu Verlegern zu knüpfen, die finanzielle Sicherheit des Unternehmens zu besorgen, Herausgeber und Gelehrte zu finden sowie die Grundlagen des Druckens und der Typographie zu erlernen. Dabei kreuzte sein Pfad sich bald mit Andrea Torresani, der um 1480 Teile der Jensonschen Druckerei von dessen Witwe gekauft hatte. 1493 erschien bei Torresani die Editio princeps von Aldus’ lateinischer Grammatik.

Das erste Buch dieser Presse nahe der Via San Agostino  (ii) Für diese und die weiteren Adressen der Offizin cf. Fletcher, op.cit., pp. 62-71, mit Abbildungen. waren die Erotemata von Constantin Laskaris. Ein weiteres wichtiges Ereignis war die Gründung der Neakademia, in der Gelehrte und Herausgeber die Transkription alter Handschriften erörtern konnten.

Von den 38 griechischen Veröffentlichungen zwischen 1495 und 1515 entstammen 27 den Aldinischen Pressen, und 24 von diesen wurden von Aldus selbst oder in Kooperation mit einem oder mehreren Herausgebern gestaltet. Seine Haltung drückt sich am besten im Vorwort zum Thesaurus Cornupopiae aus:

In our day it is indeed a difficult task for the friend of good literature to print Latin books correctly, it is even harder to print Greek books, and the hardest of all tasks is to print in both languages without mistakes. (...) To me, however, this striving for perfection and the eagerness to be of service to you, to supply you with the best books, has developed into an instrument of torture.  (iii) In: Aldus Manutius and His Thesaurus Cornucopiae of 1496. Syracuse UP, 1958. p. 11. Übersetzung von Antje Lemke.

Wichtig für die Gestaltung seiner griechischen Typen war die Idee, den Korpus des Buchstabens horizontal anzuschrägen, wodurch sich ein weiteres separat gegossenes Zeichen oberhalb der Mittellänge  (iv) Bei einer Vierlinienschrift z.B. die Höhe der Buchstaben 'a', 'c', 'e', 'u', 'm' u.s.w. in einer eigenen schmalen Zeile einfügen ließ — dies kerning wird von Barker ausführlich behandelt  (v) Barker, p. 76 sqq. und Abb. 34-35..

Jenen flüssigen Handschriften, wie sie damals üblich waren, nicht den harten, voneinander abgegrenzten Zeichen, meist nur Majuskeln, der Überschriften oder religiösen Manuskripte, sind die griechischen Typen Aldi nachgeahmt. Hinzutritt, daß die griechische Schrift dem Schreiber mehr Raum für individuelle Gestaltung gab: die Buchstabenform konnte verzerrt, versetzt, sogar zu einer Linie abgewandelt, mehrere Lettern mochten zu einem einzigen Zeichen zusammengeführt werden. Nicht die Gleichförmigkeit, sondern die Lebendigkeit der Kalligraphie war erwünscht.

Seine lateinische Kursiv hatte ebenfalls die zeitgenössische, italienisch humanistische Hand zum Vorbild  (vi) Cf. Luigi Balsamo & Alberto Tinto: Origini del corsivo nella tipografia Italiana del Cinquecento. Mailand: Il Polifilo, 1967. pp. 25-41.
Nicolas Barker: Aldus Manutius and the Development of Greek Script and Type in the Fifteenth Century. Sandy Hook: Chiswick Book Shop, 1985. pp. 59-63. Abb. 26.,27. & specimen leave 3.
Nicolas Barker: The Aldine Italic. In: David S. Zeidberg: Aldus Manutius and Renaissance Culture. Florenz: Olschki, 1998. pp. 95-107.
, und indem sie ähnliche Gestaltungsprinzipien wie eben für die griechische Type aufgezeigt befolgte, bestärkte Aldus den ebenso zwanglosen wie populären Charakter der Oktavausgaben, die vom Reisenden leicht mitgeführt, vom Wartenden aus der Tasche gezogen werden konnten, um zu studieren, bis die Zeit der Muße vorüber war. Ausgaben, die der Gelehrte ebenso wie der Gebildete stets mit sich führen mochte, statt der mit Kommentar überladenen oder sogar an Pulte geketteten Folianten früherer Zeit.

Jene handlichen Oktavausgaben, die durch ihre Größe und Stärke so gut in der Hand lagen — Aldus benutzte den Ausdruck ἐγχείριδιον  (vii) Enchiridion, ein Manual oder eine kleine Handwaffe. —, der griechischen und lateinischen Klassiker wurden ab 1501 veröffentlicht. Ihr Text folgte den besten, den Herausgebern zugänglichen Handschriften, so daß Standardeditionen geschaffen wurden, die einige Zeit überdauerten.

Zweifellos verbanden sich für den Humanisten Aldus ideelle Anstöße mit praktischen Erwägungen. Er kam mit den erschwinglicheren Preisen der handlichen Bände noch unausgesprochenen Bedürfnissen entgegen und erschloß sich damit, wie sich sogleich herausstellte, einen europaweiten Absatzmarkt. Den ideellen Absichten ist die Wahl der Kursiv zuzurechnen, denn damit bürdete er der Schriftherstellung und der Setzerei beträchtliche zusätzliche Lasten auf. Die charakteristischen Buchstabenverbindungen der zeitgenössischen Kursive erforderten nämlich die Anfertigung zahlreicher Ligaturen (man zählt bis zu 65). Außerdem machte die zwar verhältnismäßig geringe Schräglage den Guß überhängender Buchstaben notwendig. Aldus’ Schriftschneider und Schriftgießer hatten diese Schwierigkeiten allerdings schon bei den vorausgegangenen gleichfalls geneigten griechischen Typen seiner Druckerei zu überwinden gewußt. Wie in den Handschriften üblich, wurden zu den kursiven Kleinbuchstaben geradestehende Versalien geschnitten, diese aber besonders klein gehalten, wodurch sie angenehm zurücktraten.  (viii) Gustav Stresow: Die Kursiv. In: Aus dem Antiquariat. 1993, Heft 2, p. 42.

Francesco Griffo da Bologna schnitt diese feinen Typen, von denen die Überlieferung will, daß sie die Schriftzüge Petrarcas nachahmten — doch ein Vergleich straft diese Tradition Lügen. Jene frühe Kursiv, wie sie im Dante und Vergil verwandt wurde, gab dem Zeitgeschmack Raum, indem sie wie erwähnt ca. 65 Ligaturen verwandte; verschiedene Formen einzelner Buchstaben und gestalterische Kunstgriffe wie das Herausrücken von Zeilenanfängen bei Versen unterstützten den Eindruck, daß der Druck dem Manuskript gleichkäme.

Es entstanden die Editiones principes wichtiger griechischer Philosophen und Schriftsteller wie Aristoteles, Musaios, Theocrit, Aristophanes, Theodoros Gaza, Hesiod, Theognis, Pythagoras u.a.; und nebenher fast unscheinbare Drucke wie die erste handliche Ausgabe von Dante.

Mit diesen Ausgaben wurde jenes Signet berühmt, dessen Motiv auf eine unter dem Kaiser Vespasian geprägte Silbermünze zurückgeht, die Aldus von Pietro Bembo geschenkt worden war. Es wurde ab Juni 1502 in verschiedenen Ausführungen benutzt.  (ix) Cf. Fletcher, op.cit., pp. 43-59.

Die zum Emblem passenden antiken Zitate lassen sich bei Sueton: Augustus 25,4 und den Attischen Nächten des Aulus Gellius 10,11,5 finden. In seiner griechischen Form σπεῦδε βραδέως erschien das Motto erstmals 1498 im Vorwort zu Politians Opera. Die lateinische Version taucht im zweiten Widmungsvorwort der Astronomi veteres vom Juni/November 1499 an Alberto Pio von Carpi auf. Im Dezember jenes Jahres erschien dann die Hypnerotomachia Poliphili, ein erotisch-mystischer Roman voller Architekturmodelle und -ruinen — und wohl das schönste Buch, das je die Aldinischen Werkstätten verließ, geschmückt mit Holzschnitten, von denen eine Vielzahl Emblemata zeigt, darunter den Prototyp der Druckermarke (fol. d7r) und etwa achtzig weitere bildliche Variationen des Themas. (x) Edgar Wind: Pagan Mysteries in the Renaissance. London: Faber & Faber, 1968. p. 98 sqq. "The woodcuts of the Hypnerotomachia alone show more than eighty variations of festina lente, each one of them giving a new twist to the theme" (p. 103).

Denn das Zeichen, das einst auf Kaiser Titus Eindruck machte, ist jetzt als seine berühmte Druckermarke überall in der Welt bekannt und beliebt, wo immer es Menschen gibt, die die klassische Literatur kennen und schätzen. (...) für deren Wiedererweckung dieser Mann geradezu geschaffen und, wenn ich so sagen darf, vom Schicksal gesandt und geprägt ist. Denn er hat nur einen glühenden Wunsch, ein Ziel, das er mit nie erlahmendem Eifer verfolgt, einen Plan, für dessen Verwirklichung er keine Mühe scheut: geistig interessierten Menschen die Textgrundlagen vollständig, rein und unverfälscht wieder zugänglich zu machen.  (xi) Erasmus: Adagia. II,1,1. In: Ausgewählte Schriften. VII. Übers. v. Th. Payr. Darmstadt: WB, 1972. pp. 485-7.

Aldus starb am 6. Februar 1515 (1514 nach venezianischer Zeitrechnung), und die Herausgeber- und Druckertätigkeit wurde von seinem Kompagnon und dessen Söhnen fortgesetzt, bis die Offizin nach einer kurzen Phase der Stillegung 1533 von Paulus Manutius (1512-1574) und den Torressani-Söhnen wiedereröffnet wurde; diese Zusammenarbeit reichte bis in Jahr 1540, dann firmierte die Presse nur noch unter seinem Namen: „Aldi filii“. Paulus wird kein leichtes Leben gehabt haben. Es begann mit einer vaterlosen Kindheit und verlief begleitet von den Streitigkeiten um die Firma. Sein Spezialgebiet war die Herausgabe und Kommentierung lateinischer Texte; nebenher fungierte er als Drucker für die Academia Veneta und richtete in Rom für kurze Zeit eine Zweigstelle ein.

Pauli Manutii Nachfolger wurde sein Sohn Aldus II, der die Firma bis zum eigenen Tod 1597 fortführte, womit sich das Jahrhundert jener Presse rundete.

Für diesen Sohn und Enkel mußte es zwangsläufig schwierig sein sich zu profilieren — bei einem so berühmten Vater, der die lateinischen Klassiker für seine Zeit grundlegend bearbeitet, kommentiert und ediert hatte und bei einem noch berühmteren Großvater, der dies für die griechischen Autoren getan hatte. Daß er als Wunderknabe dargestellt wurde, muß sowohl an der Zeit gelegen haben wie an den Wünschen seines Vaters, doch hatte er schwer an der dadurch geschaffenen Hypothek zu tragen: in seinem neunten Lebensjahr wurde von seinem Vater eine Sammlung stilistischer Beispiele unter seinem Namen veröffentlicht, zwölfjährig soll er die Vertrautenbriefe Ciceros übersetzt und durchgesehen haben.

Für lange Zeit waren Aldinen die schönsten Stücke einer Sammlung. Jean Grolier, dieser Urvater der Bibliophilen, ließ sie sich gleich mehrfach liefern, um Freunde zu beschenken. Sie wurden mit feinen Einbänden in ehrwürdigen Materialien bekleidet, leider meist des häufigeren umgebunden, da die Sammlermode mancher Zeit die Uniformität des Bücherschranks forderte.

Doch mit dem Verfall der klassischen Bildung, die sich auf die Kenntnis der Antike berief und von dort immer neu ihre Aktualität schöpfte, sanken nicht nur die barocken Editionen mit den vielfältigen, gelehrten Noten im Kurs, sondern auch die Aldinen. Es bleibt uns hingegen die immer noch vorbildliche Ästhetik des Drucks, Papiers, der Typen wie der Gestaltung. Es mag ein esoterisches Erlebnis sein, doch ein unvergleichliches: nehmen Sie eins dieser Bücher in die Hand, fühlen sie, wie es in ihr liegt, schlagen Sie es auf, wie sich das handgeschöpfte Papier anfühlt, wie sich die Schrift klar abhebt, die Färbung von Papier und Druckerschwärze ...
 

Aldus Manutius: Juvenal et Persius, 1501. Kolophon
Aldus / Andreas Torresanus: Apuleius, 1521. Seiten
Paulus Manutius: Lactantius, 1535. Titel
Paulus Manutius: Archimedes, 1558. Seiten

 

Der Text stammt aus dem Vorwort zu meinem Katalog 7
und wurde für diese Neuveröffentlichung nur wenig überarbeitet.
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