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Aphorismen

portio mea, δαῖμον, sit in orbe viventium

Schritt für Schritt entsteht ein Weg, auf dem nur diese beiden Füße willentlich gesteuert gehen. So hoffen wir, die meiste Zeit aber stolpern wir über kleine Unebenheiten.

Unser Fehler ist, daß wir uns an Menschen orientieren – nicht an Göttern, an von Menschen geschaffenen Idealbildern. Was dächte Homer von unserer Zeit?

Heute sind wir bereits über Mittelmäßigkeit erstaunt, angesichts dessen, was uns umgibt.

Das Böse, das Unterwürfige, ist stets eines anderen Diener.

αρετή ist das unwillkürliche, direkte Sich-Äußern des Inneren, also muß dies Innere so geformt werden, daß αρετή sein Ausdruck ist.

Wofür sind wir sonst da, als uns gegenseitig Anregungen und Anstöße zu geben? Es gibt eine Pflicht, lebendig zu sein.

Geist und Kunst sind aristokratisch – Blut kann man in Konserven abfüllen. Doch gibt es neue Vampire, deren Ziel es ist, Geist und Kunst soweit zu verdünnen, daß sie nicht mehr als Lebenssaft taugen.

Die eigenen Grenzen erkennt man nur, wenn man versucht, sie zu überschreiten, vorher sind sie verschwommen, unscharf. Dann aber kann man sie verrücken.

Whodunit – Philosophie fragt, Theologie gibt fragwürdige Antworten.

Verstehen im Internet verläuft parallel zum Gleichnis des Buddha von den Blinden und dem Elephanten: jeder begreift etwas Anderes.

The very fabric of our life is transit.

Wenn sonst nichts in der Landschaft herumläuft, sieht eine Maus wie ein Elephant aus.

‚Ewigkeit’ ist ein abgewetzter Ausdruck für unsere Unfähigkeit, den Augenblick zu greifen.

Halbes Sehen ist nicht die Hälfte des Sehens, sondern partielle Blindheit.

Alle Menschen sind gleich – bis auf die Gesichter u.s.w.

Ich bin zuviel, um einwandfrei etwas zu sein.

Herrschaft ist die Herrschaft über Interpretation.

Die Erkenntnis eigenen Wertes bedeutet die Abkehr vom anderen.

Stets wird jener, der sich von anderen für deren andere Zwecke benutzen läßt, in sehenden Augen als mißbraucht und seiner selbst entfremdet erscheinen.

Die meisten Menschen warten auf den Tod, nur geben sie es ungern zu. Ihr Warten empfinden sie als Leben, von Lebendigsein wissen sie nichts.

Weil Warten langweilt, erfindet man Zerstreuungen, die – ist man nur halbwegs bei Verstand – das Warten unerträglich machen.

Kränklichkeiten sind die Zerstreuungen des Körpers; psychische Störungen die der niederen Seele.

Wenn Blicke töten könnten, wären Spiegel Mordinstrumente.

Den leeren Fluß überqueren. Crossing the empty river.

Die Biographien anderer lesen meint, auf Resonanzen zum eignen Leben zu hoffen.

Die Jahre zwischen den Sekunden sind lang; ihre Dichte entspricht dem Zerfall von Granit.

Die Spuren auf dem Papier haben nichts mit dem Denken zu tun; sie folgen eigenen Flüssen.

Die Nacht ist ein merkwürdig Ding; ihr Mangel an Licht läßt leuchten, was sonst dunkel verbliebe.

Auf dunklen Pfaden wandern heißt, ins Licht geraten.

Dort wo die Wörter nicht wohnen.

Zeitlos, in kleinen Rationen.

Überall kann man umkehren – nicht auf dem Weg.

Please mind the gap between mind and Mind.

Wo ist die Zeit geblieben. Und die Ernte dessen, was wir säen, zerfrißt uns.

Manche Menschen mag ich trotz ihrer Fehler, andere ihrer Fehler wegen nicht. Nur die äußerlichen Fehler können Anreiz zum Mögen bieten.

Des Nachts eine Laterne mitnehmen, heißt den Sternen Konkurrenz machen.

Mancher Leute Geist und Verstand sind im Mainstream ersoffen.

Im Bergkristall sind Einschlüsse, im Geist Gedanken; wenn sie nur ebenso funkeln würden wie die Einschlüsse.

Zeit ist fließendes Wasser: schneller, langsamer, strudelnd.

Das Schlimme an Afghanistan ist, daß es nicht in die Steinzeit zurückbombardiert werden kann.

Die bleierne Schwere der Flügel.

Das Leben ist eine Vorstellung, für die man keinen Eintritt zahlen würde.

Pappnase bleibt Pappnase, auch wenn sie zum Grinsen Papiermaché auflegt.

Es gibt Zeiten, an deren Kleinwüchsigkeit man nur verzweifeln kann.

Freiheit ist nur für die Freien.

Es soll Leute geben, die nicht auf ihre Selbstgespräche achten. Das ist dumm, denn schließlich ist man die einzige intelligente Person, die man kennt.

Je ungewisser der Glaube, desto arger die Bekehrungen.

Mit dem Verfall der Sitten haben wir die Achtung voreinander verloren – und damit vor uns selbst. Andererseits, die meisten Mitmenschen heutzutage sind verachtenswert, da es ihnen jeglicher Sitten ermangelt.

Sitte erwächst nicht durch die Übernahme vorgegebener Formen aus Tradition, Religion etc, sondern mittels der bewußten und zugleich kritischen Aneignung dieser Formen.

Sitte bedeutet, sich selbst zu dem abzurichten, was man sich bedeutet.

Genies sterben früh; sie verbrennen ihren Treibstoff schneller. Wer länger lebt weiß, daß er haushält und auf Altersweisheit oder -parkinson hofft.

In unserer Unsicherheit über uns selbst, unsere Fähigkeiten verlegen wir uns auf Viertelallmacht: wir seien – vornehmlich für das Schädliche – verantwortlich. Das sind, da wir die Folgen unseres Tuns und deren Folgen nicht überschauen, bestenfalls Mutmaßungen, die uns trotzdem Befriedigung verschaffen, indem sie uns in unser vorgeblichen Größe, die Welt entscheidend beeinflussen zu vermögen, gleichermaßen klein machen, da deren angenommener Beeinflussung unser Wille zu dieser ermangelt. Kurz: wir bewirken, so die Annahme, das Üble, bewirken es aber quasi nebenher und absichtslos. Dagegen dann der Aufruf, das Üble abzustellen, wiederum mit Mitteln, deren Folgen etc. wir nicht übersehen. Eigentlich folgte daraus ein Schicksal, das uns unvollkommenen Wesen einzig gestattet, Unvollkommenes zu bewirken. Dies jedoch widerstrebt dem Ansatz der Machbarkeit, daß beinah alles korrigierbar werde, der uns gottlos, götterlos, schicksalentfremdet, halbwegs aufrecht erhält – aber eben nicht gottgleich, göttergleich, selbstbestimmend macht. Doch sind Ausgangspunkt, Annahme und Mittel ohne Beleg, unbeweisbar, eben bloße Annahmen.

Solche Theorien bilden wenig den Menschen, tragen wenig zu seiner Fortentwicklung bei, eher fügen sie ihm einen Denkverlust zu, ein Minus an Selbstreflektion. Allein, da eine Entscheidung zum Leben grundsätzlich eine zum Tode ist, verbleibt modernes, krisenerschaffendes, krisenbewältigendes Gutmenschentum außerhalb der lebensnotwendigen Ganzheit von Ansichten – eigentlich nur als Schaudern eines minderbemittelten, seiner Geschichtlichkeit unbewußten Kleingeistes, der weder sich, noch seine Bedingtheit, noch seinen Standort in Zeit und Welt erkennt.

In Kirchen fällt das Licht stets von der Seite, nicht von oben – als ob sie ihrem Gott mißtrauten.

Es ist ungleich schwieriger, einfach, klar und kurz zu sein als weitschweifig.

Das Problem wohl jeder Ochlokratie ist, daß niemand mit Verstand für den ‚regierenden’ Pöbel auch nur einen Finger krümmen wollte.

Dem Sozialisten ist nichts so zuwider wie Ungleichheit, daher Prokrustes-Betten für alle: Krippen und Kindergärten für die Kleinen, Einheitsschulen, Bologna-Studium. Was sich an Abweichungen eingemeinden läßt, wird normalisiert, daher gleichgeschlechtliche Ehe, Hartz4, Gewerkschaften für Schriftsteller und andere (noch) Kreative, Parteibuchkarrieren. Wenn im Zuge des Normalisierens tradierte Werte aufgeweicht werden können, um so besser.

Die Erleuchtung ist ein unbeschreibliches Dunkel. Nacht kann sie nicht fassen, und die Klauen der Geier prallen ab von den Schuppen der Tiger: lies ihre Schrift.

Maßlos: Weltschöpfungen, Apokalypsen; im kleinen: Sade, Hölderlin, Nietzsche.

Nicht das Umstürzen von Werten ist schlimm, sondern deren Aufweichen. Das Aufweichen stellt den Wert an sich in Frage. Das Umstürzen erschafft neue.

Eine Gesellschaft ohne Werte kann sich nur auflösen. Ein Mensch ohne Werte ist haltlos, letztlich ich-los und ohne Selbst, denn das Selbst ist der Wert an sich für das Individuum, der letzte, endgültige, unbefragliche Wert: der Daimon.

Es gibt zwei Arten von Menschen: solche die gegebene Werte übernehmen, und andere, die sich erforschen, bis sie die eigenen finden.

Das Internet in seiner Gleichmacherei ist der virtuelle Sozialismus.

Von Geburt bis Tod ist Leben ein Tanzen auf unsicherem Grund, ein Versuch, dies durch Konstrukte, Ideologien, Versicherungen, Religionen, Technik zu verdrängen. Doch spätestens, wenn wir uns exponieren, selbständig werden, außerhalb der Menge stehen, wird es uns überraschen und an den Wurzeln packen: der Boden, auf dem wir gehen, ist schwankend, Löcher können sich plötzlich auftun, schiefe Ebenen uns ins Rutschen bringen. Andere Menschen sind kein Halt, sie sind Teil des unsicheren Grundes.

Sünde ist es allein, einen von Fremden überlieferten Sündenkanon zu übernehmen, dem der eigene Wille entgegen steht. Ergo gibt es keine allgemeingültigen Maßstäbe für Verfehlungen, und von der Entwicklung des Einzelnen her kann heut Sünde sein, was es morgen nicht sein wird, und umgekehrt.

Ein Schriftsteller hat keine Meinung zu haben, sondern mindestens viele – immer ein paar mehr, als es Personen in seinen Geschichten gibt.

Die besondere Eigenschaft des Autors liegt darin, Wechseltierchen zu sein.

Das Leben als Traum zu begreifen, beinhaltet die volle Verantwortung für diesen Traum.

Wer um Mittag keine Laterne entzündet, traut der Sonne.

Erkenntnis zielt immer von oben nach unten.
Der Daimon erkennt den Menschen, der Gott den Daimon.
Nur ein Schöpfer kennt seine Schöpfung.
Von unten nach oben ist nur Im-Düstern-Tappen und bestenfalls Raten.
Nur, wer sich selbst zum Gott geworden ist, erkennt sich selbst.
Wer sich selbst erkennt, erkennt die Welt, denn wir sind einander Spiegel.
Wie außen, so innen, und umgekehrt.

Technik: Fabriken, Stahlwerken, Schachtanlagen entspricht ein Krieg, wie er im 20. Jahrhundert geführt wurde. Heutige Fabriken sind reinlich, desinfiziert, ihnen entspricht die chemische, biologische oder digitale Kampfführung, bei der die Menschen verschwinden, die Gebäude unbeschädigt verbleiben.

Gewalt ist das Mittel der Beschränktheit; darum wird sie immer wieder angewandt.

Regeln sind gemeinschaftliche Halluzinationen, daher so schwer zu ändern oder abzuschaffen.

Geistiger Tiefflug bedeutet, daß die Hängebäuche über den Boden schleifen.

Menschen werden durch ihre Gewohnheiten charakterisiert, selten durch das, was in ihnen wohnt.

Wenn wir die Nächte des Geistes zu Tagen machen, und die Tage zu Nächten, werden wir dann das Wahre in uns finden?

Die richtigen Dinge sind nicht leblos: Sie finden uns, wenn sie zu uns gehören.

Während das Auge im Idealfall ein kurzes Gedicht in einem zu überblicken vermag, und in diesem Blick die Zeit erlischt, tritt diese verwandelt hervor, folgt es den Zeilen, den Hebungen und Senkungen des Wörterflusses, welcher dem ihm eigenen Rhythmus folgt und sich damit in der ihm eigenen Zeit – und keiner anderen – bewegt und diese auf uns abfärbt.

Alle Dichtung ist verführender Tanz durch den Wortraum.

Fußspuren im fließenden Wasser.

Kein Leben ist lang genug, nur der dichte Moment.

Bewußtheit ist stets auf Erweiterung, Vertiefung bedacht: Stillstand gleicht Dahindämmern.

Der Bewußtheit sind die Mittel, die sie zu ihren Zwecken anwendet, keiner ethischen Bewertung unterworfen; es zählt das Ergebnis.

Dunkelheit ist nicht die Abwesenheit von Licht, sondern die Anwesenheit von Dunkelheit; sie ist existentiell, für den Menschen wie für den Kosmos.

Zielen wir, durchstoßen wir uns selbst und den Grund; wir landen im konfusen Nirgendwo.

Wer sich vor der Leere ängstigt, tut dies vor sich selbst.

Nur sich selbst kann man Heimat sein; das Schlimmste und Größte: sich mehr als Heimat werden.

Nur die Erinnerungen vermögen, uns zu quälen, die Zukunft nicht. Wenn die Aussichten bedrücken, so ist es eine Erfahrung, die wir erinnern, nicht das, was zu erwarten ist.

Wenn das Nichts jenes ist, das nicht mit sich selbst identisch ist, so ist es eben dies, das uns ängstigt: nicht daß die Welt eventuell aus dem Nichts entstanden wäre, oder hinter der sichtbaren Welt ein Nichts lauerte, sondern, wir könnten nicht wir selbst sein, statt dessen ein Selbst nicht unser eigen nennen, das nicht mit sich identisch ist, also inexistent, ein Etwas, das, da kein Etwas, ein Unding, das noch nicht einmal ein Unding ist, sondern Nichts.

Jedes Annähern in unsere untagtäglichen Tiefen führt uns auf Unboden, der uns abgründig fortbricht, zusammen mit Teilen des Ichs, des Selbstes, die im Stürzen abgelegt werden, abfallen.

Aus Begegnungen entstehen Götter und Daimonen.
In Begegnungen entschleiern sich Götter und Daimonen für einen Moment.
Ihr Entschleiern bedingt, daß wir selbst nackt sind.

Genauigkeit ist eine Methode, auf den Wellen des Chaos zu reiten. Rausch und Wahnsinn sind die anderen.

Das Niederschreiben von Gedanken soll nicht ihrer Verfestigung dienen, sondern dem Wachstum ins Sichtbare: damit sie fortwuchern.

Nützlich sind wiederaufgenommene Fäden, die hie und da aus der Geisteslandschaft hervortreten, in verschiedenen Farben und Längen. Wer sie abschneidet ist selbst schuld.

Die Gedanken gehören uns nur, wenn wir an ihnen arbeiten. Sonst sind es wilde, fremde Vögel, die sich nur kurz bei uns niederlassen.

Von Gefühlen bestimmten Menschen ist notwendigerweise zu mißtrauen. Nicht ändert sich rascher als Gefühl – und nichts ist unsicherer, selbst für den direkt Betroffenen.

Das Christentum ist eine von Gefühlen dominierte Religion. Der Glaube selbst ist eins. Daher die heftig ausgefochtenen Streitigkeiten, denn über nichts läßt es sich mit Wörtern und Waffen so gut fechten, wie über Unwägbares, Flüchtiges.

Der Buddhismus hingegen, jenen zur Volksreligion degenerierten ausgenommen, ist dagegen kühl. Man kann seine Lehrsätze annehmen und zur Grundlage des Lebens erwählen, bis sie bewiesen oder widerlegt sind, dann sind sie egal geworden. Oder man kann sie und damit ihn von vornherein ablehnen.

Auch das Heidentum kennt dies Übermaß an Gefühlen nicht. Es lebt draußen in der Natur, in den Wäldern, Wiesen, Bächen, Bäumen und Wolken, und drinnen in der Natur, in den Visionen, Träumen, Begegnungen.

Beide, Buddhismus und Heidentum, sind entspannter, ausgeglichener – außer wir bringen unsere verdorbenen Reste von Christentum in sie.

Licht verjüngt die Götter.

In all dem Nein, das wie der Welt entgegenrufen von früh bis spät, ist das Ja verborgen: die einzig mögliche Antwort.

Die Jahre entkleiden uns, entblößen den Baum seiner Ringe, bis nur noch die Falten bleiben, das Gerippe allein dasteht.

Auf jedem Spiegel sind Spinnweben.

Überhaupt kann nur der Einzelne Verantwortung tragen; delegiert er sie an andere, gibt er ein Stück seiner Freiheit auf. Freiheit und Verantwortung bedingen einander.

Teufel sind Massenware geworden, wie man befürchtet hatte: ihre Zahl ist mehr als Legion. Die einzig verbleibende Lästerung eines Gottes wäre dieser Gott selbst – gnostisch, weil er für dies, sein Werk, verantwortlich zeichnete, daher entweder unverantwortlich oder schuldig.

Stünde eine Intelligenz hinter dem Sein, so wären wir zur Rebellion gegen sie verdammt.

Und die Rebellion wäre dann das Einzige, was uns aufrecht stehen läßt.

Privileg des Dichters: er vermag sich selbst zu erlösen.

Der Körper ist ein Versprechen der Vergangenheit – im Guten wie im Kranken. Der Leib einer Geliebten erinnert vergangene Freuden und verweist auf die Möglichkeiten zukünftiger Lüste. Der eigene Leib wandelt sich durch die Jahre wandernd, behindert und begleitet uns – und ist doch als Ganzes nie wir selbst: Er bleibt uns entfremdet, fern. Die Nähe, die sich in Krankheit oder Schmerz äußert, ist seine größte Ferne.

Sozialismus: Die Unsicherheit eines Menschen von außen beseitigen wollen heißt, ihn als Pflegefall anzusehen und zu behandeln. Wird er unmündig gehalten, wird er zwangsläufig zum Pflegefall. Er wird dann nie zum Eigenen kommen, da ihm die eigene Leistung verwehrt bleibt. Und nur mittels eigener Leistung kann ein Mensch zu sich finden und zu seiner ihm eigenen Sicherheit.

Zur Errichtung Wolkenkuschelheims bedarf es dreier Voraussetzungen: der unendlichen Gelddruckmaschine, der Eierlegendenwollmilchsau und des Perpetuum mobile.

Die meisten Menschen scheinen der Überzeugung. daß gute Taten die Last der Sünden dezimieren, ohne zu bedenken, woher dies Wörtlein ‚dezimieren’ stammt. Aber gut: Seehundbabys gucken traurig, hungernde Afrikanerbabys auch, gespendet ist schnell, per SMS oder Paypal, und dann muß sich niemand mehr Gedanken machen, wo das Geld versickert, um auf seinem Weg nicht, oder nur zum Bruchteil beim Empfänger anzugelangen, sondern Herr Niemand darf starr auf die Zeitung gucken, wenn mal wieder ein Obdachloser in der S- oder U-Bahn herumstreunt und zu betteln versucht.

Die Ferne ersetzt die Nähe. Das haben die Menschen dem Sozialstaat abgeschaut, darum haben sie ihn ersonnen: Es gilt, das Übel in die Distanz zu verweisen.

Andererseits ist auch dies ein gutes Gefühl, daß jeder Bürger sich auf seinem Fernsehsofa zurücklehnen darf in der festen Gewißheit, der unumstößlichen Sicherheit, daß kein Mitbürger hungert, da Vater Staat für alle sorgt, auch für die um sich selbst Sorglosen, in den Tag lebenden Verirrten. Nicht daß so das Paradies auf Erden erreicht wäre, so viel Restintelligenz ist meist noch da, aber da jede Aspiration auf ein besseres Irgendwo, schlimmstenfalls im Jenseits, ausgetrieben wurde – und den Kirchen gebührt das Verdienst, kräftig daran mitgewirkt zu haben – bleibt nur das hiesige Utopia, und das war noch nie frei, gar libertär, sondern immer streng reglementiert, zum Guten aller, wenigstens der Mehrheit. Und die weiß aus denkfauler Tradition nichts um Freiheit, sondern ist bemüht, über die Runden des Lebens zu kommen, eben mit diesem kleinen, schwachen Gefühl, sich selbst nie zu genügen – das ist sicherlich nicht Wärme, sondern Rest dessen, was die Christen einmal als Erbsünde ansahen und die Inder als Karma.

Was ist Freiheit?
Die Freiheit über meinen Körper zu verfügen, das schließt ein, ihn zu schädigen, ihn zu pflegen, sein Leben zu beenden.

Die Freiheit über meinen Verstand und Geist zu verfügen, das schließt ein, mich auf jedem nur denkbaren Gebiet zu bilden, alles zu durchdenken, meinen Verstand und Geist zu berauschen oder nüchtern zu halten.

Die Freiheit zu schreiben und zu reden, was ich denke, fühle, ersinne.

Mythen sind dem Polytheismus verbunden: in ihnen wird immer aufs neue das Interagieren von Göttern, Helden, Menschen, Tieren und Pflanzen beschrieben. Kommt ein Mythos in den Bereich des Monotheismus, erstarrt er.

Kunst hat Bedeutung nur für diejenigen, die sie verstehen.

Auch für die Satire ist es eine schlechte Zeit, wenn die Satire quasi kostenlos, selbst ohne geistige Kosten, per Nachrichten, Regierungserklärungen und Twitterei des Bundespressesprechers über jeden, der vielleicht noch ahnt, was Satire einmal war, genauso wie die anderen, stumpfsinnig gewordenen oder immer gewesenen Bürger, gleichmäßig wie Duschwasser verteilt wird.

Für unsterblichen Humor muß in solchen Zeiten gelten, wenn das zynische einseitige Grinsen nicht festgefroren ist, sondern vereinzelt zur Lockerung fähig.

Gerechtigkeit ist ein asymptotischer Prozeß, der erst am St. Nimmerleinstag auf einem Prokrustesbett endet. So wird auch der Sozialismus immer wieder aus seinem Rattenloch hervorgezerrt, als ob es sich um die Panazee handelte und nicht um ein tödliches Gift.

Wir morden, was wir lieben – weil wir das Lieben nicht ertragen. Daß wir uns selbst dabei morden, ist nur ein Nebeneffekt.

Die modernen Gespenster werden auf Phiolen gezogen. Denkblasen durchwandern die Nährflüssigkeit, ohne ihnen zu nahe zu kommen.

Alle individuellen Tode sind im Stottern der Zeit zusammengefaßt.

Unsere Hoffnungslosigkeit beweist sich darin, daß wir an einem Abgrund stehend nicht wagen zu springen.

Was soll ich Dir sagen? Ich habe keine Wörter dafür.

Niemand weiß, warum er liebt – nur daß er liebt. Daher das Verhängnis.

Gesehene und erlebte Realität sind immer Konstrukte aus überlieferten, gesellschaftlichen und persönlichen Normen und Strukturen und darum nur sehr zögerlicher Veränderung unterworfen. Abtauchen aus dieser Wirklichkeit, die wir bewirken und die auf uns wirkt in eben diesem zugelassenen Maße, gab es immer: durch den Genuß von Literatur, Musik, Theater, Kunst, dann Film. Selbst Aristoteles meinte, daß es für die Wirkmächtigkeit des attischen Dramas eines sich identifizierenden Zuschauers bedürfe.

So wie der Künstler, ist er einer, seine Weltsicht ins Kunstwerk packt, das mittels des Schaffensprozesses im Idealfall eben diese ändert, so sollte auch die Rezeption einen veränderten Rezipienten hinterlassen.

Die Neuerung in den Mitteln künstlerischen Ausdruckes, die das digitale Zeitalter mit sich bringt, erweitert die Skala, definiert sie m.E. jedoch nicht grundsätzlich neu. Von der Malerei, die ihre Gegenstände, Farben und Perspektiven wählte und durch das Aufkommen der Photographie vom Zwang, eine Realität abzubilden, befreit wurde, über die Photographie, die erst ihre Realität durch die Linsen sah, um sich nun ebenso von dieser zu befreien, ist es gedanklich ein kleiner Schritt, historisch sind es einige Jahrzehnte.

Ich sehe die digitalen Werkzeuge als Erweiterung des Bestandes, nicht als qualitativ von den alten verschiedene.

Nicht jeder Ochse vermag ein Boustrophedon zu entziffern.

Das könnte durchaus als Fortsetzung des mittelalterlichen Theologenstreites zwischen Nominalisten und Realisten gesehen werden. Oder als die zwischen Platonisten und Aristotelikern. Wir bewegen uns langweiligerweise oft in denselben ausgetretenen Bahnen.

Begriffe, die Mengen bezeichnen, sind m.E. sowohl abstrakt wie konkret. Abstrakt, weil die Menge der Definition bedarf, konkret, wenn die Einzelteile der Menge evident sind.

Bei einer Aktiengesellschaft sind die Mitglieder der Gesellschaft im Idealfall bei der Gesellschafterversammlung anwesend. Bei der Gesellschaft, die die Menge aller Einwohner (der Begriff müßte an dieser Stelle definiert werden) eines Landstriches, i.e. Staates, umfassen soll, ist i.A. keine Versammlung wie im antiken Athen mehr möglich; je mehr diese Gesellschaft einer Definitionen durch Staatsangehörigkeit, Umfragen, Ausweise etc. bedarf, desto abstrakter wird sie.

Moderne Gesellschaften gliedern sich bzw. zerfallen eh in Subgesellschaften, wobei ein Einzelner sich durchaus verschiedenen dieser Subgesellschaften zugehörig fühlen kann. Es gibt also innerhalb der Menge ‚Gesellschaft’ diverse sich partiell überschneidende Mengen, von denen einige, wie die sich regelmäßig treffenden Mitglieder eines Vereins, einer Kirche, einer Loge, einer Partei, einer Subkultur durchaus konkret sein können, andere nur abstrakt zu definieren sind wie z.B. alle dreißigjährigen, langhaarigen Dackelbesitzer.

Der Begriff ‚Gesellschaft’ mag also sowohl etwas Existierendes wie etwas Abstraktes bezeichnen, ist selbst jedoch keine Entität, da er nur in Abhängigkeit von seiner eigenen Definition und von dem durch diese Bezeichneten verwendet werden kann. Der ‚Markt’ ist in diesem Sinne immer eine Teilmenge von ‚Gesellschaft’, da nie alle ihre Teile am Markt teilnehmen, in gleicher Weise teilnehmen oder zu gleicher Zeit teilnehmen. Der ‚Marktpreis’ eines Gegenstandes entsteht aus der zeitlich begrenzten Interaktion jener Teilmenge von ‚Markt’, die mit genau jenem Gegenstand durch Verkauf oder Erwerb handelt.

Das Wertvolle an Werten ist, daß sie erarbeitet werden. Jedem von ihnen hängt ein Preisschild an, das seine Bedeutung nur für einen einzelnen Menschen offenlegt.

Ein Curriculum ist die Skizze einer Landkarte, auf daß sich im Geist des Lernenden eine Landkarte entfalte.

Der Kaiser ist nicht nackt, denn er ist mit Schuldscheinen bekleidet.

Satire benötigt ein Objekt außerhalb ihrer selbst, um sich abzuarbeiten, i.A. ist dies die ‚Realität’, jedenfalls das, was der Blickwinkel der Satire für Realität hält, also einen Ausschnitt.

Wörter sind abgespeckte Metaphern, Pseudo-Tiefgründiges zum Hausgebrauch.

Andererseits genügt es, die Wörter wie öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen: Sie transportieren Bedeutung von A nach B, dann vergißt man sie. Wer würde noch über den U-Bahn-Wagen nachdenken, wenn er ausgestiegen ist.

Und da Wörter abgespeckte Metaphern sind, sollte jeder sie der eigenen Hungerkur unterziehen – jedenfalls die persönlich wichtigen. Diese von anderen übernehmen ist schändlich.

Metaphern sind Bedeutungsfelder mit kaum wahrnehmbaren Grenzen, daher müssen sie vor Gebrauch etwas eingezäunt werden.

Steigt der Reisende in einen Zug, meinetwegen nach Hamburg, und ist sich der Richtung nicht sicher, fragt er nicht: „Ist dies der Zug nach Hamburg“, sondern: „Ist dies der Zug nach Bonn“. Dann werden die Mitfahrenden aufschrecken.

In diesem Sinne sind Wörterbücher zu benutzen.

Die Köpfe waren schon immer die besseren Füße, wenn man in Gedanken wandert.

Die Quantität schlägt nicht automatisch in Qualität um. Um eine größere Menge zu durchsuchen, bedarf es besserer Suchkriterien, um ein qualitativ gleichwertiges Ergebnis zu zeitigen.

Au contraire hangelte sich der Sammler früher von Buch zu Buch, benutzte Bücher als Führer durch den Bücherdschungel. Die leichte Suche verführt zu Wahllosigkeit, zum Herumstochern und -picken, wo Klarheit über die Suchziele angebracht wäre. Ein intensives Weniger ist mehr als ein oberflächliches Viel.

Bescheidenheit ist eine Sucht, die gern anderen auferlegt wird.

Die Vergangenheit entschwindet in Gräbern; dies Dinosaurier-Gefühl stellt sich ein.

Die Buddhalehre ist wandlungsfähig, sie wandelt sich z.B. mit unserer Fortentwicklung: wir sehen sie nach einigen Jahren des Praktizierens anders als zu Beginn.

Zu Beginn steht sie vor uns wie etwas, das uns präsentiert, übergeben wird, dann nehmen wir sie an und verwenden Teile davon im täglichen Leben. Diese Teile verändern Teile unseres täglichen Lebens, und dann sehen wir die Buddhalehre mit anderen Augen.

Selbstverständlich suchen wir uns die zu uns passenden Teile aus, aber diese verändern uns auf ihre ganz spezifische Weise. Will sagen: Zen z.B. produziert Zen-Menschen mit Zen-Erleben, Zen-Agieren u.s.w., jedoch fängt niemand als Zen-Mensch an, Zen zu betreiben.

Die Entscheidung des Ich, die Grundlagen seiner selbst zu beseitigen, ist eine Entscheidung, mehr nicht, gleich unter welchen Einflüssen oder ob ohne solche aus sich selbst getroffen. Dazu bedarf es der Vorstellung eines Besitz- oder Eigentumsverhältnisses nicht.

Die Satire wurde, da sie vermeinte, auf etwas Besseres als das Gegenwärtige hoffen zu machen, zu Gunsten einer normierten Realität beseitigt.

Kollektivisten haben die Fähigkeit, eigenständig zu denken, abgelegt. Eben darum und nur darum können sie Kollektivisten sein.

Zeit und Unendlichkeit
Die Zeit hängt uns wie ein müder Sack um die Knochen. Wir wissen nicht, was wir mit der Unendlichkeit anfangen sollen. Archimedes versuchte, den Raum zwischen Sonne und Erde mit Sand anzufüllen, in der Hoffnung, er nähere sich dadurch den großen Zahlen – aber ebensogut hätte er einen Kartoffelsack vor die Tür stellen können und von den Passanten dessen Inhalt erraten lassen.

Leere und Fülle hinterlassen uns kopflos: Wir flüchten in die täglichen Übungen, in die Allgemeinplätze, schunkeln ein wenig mit bekannten Wörtern und trinken Rhetorik, bis wir berauscht sind. All dies statt dem Dionysos das zu geben, was sein ist: die Kore, will sagen: unser Hiersein.

Hase und Igel
Eine lange Straße durch weites, offenes Gelände, links und rechts Einöde. Der Belag hat Risse und Schlaglöcher, deren Anordnung uns willkürlich erscheint, wir laufen, aber das mag eine Täuschung sein. Auch vermeinen wir, diese Brüche und Brechungen sprächen zu uns über das Alter; doch da es keine Stellen ohne sie gibt, mag das vergeblich sein. An beiden Ende der Straße stehen Figuren, die uns Igel dünken und von sich behaupten, die Ewigkeit zu sein, doch sind sie jeweils nur für einen Moment an genau diesem Ort sichtbar.

Spiegel
Sehe ich früh in den Spiegel, so vermeine ich ein Gesicht zu erblicken, das ich erkenne. Die Erinnerung betrügt mich, indem sie mir vorlügt, dies sei das Gesicht, daß sich gestern an selber Stelle befand. Doch erkennt das Gesicht im Spiegel meines nicht, denn es ist Fiktion, ebenso wie die Erinnerung. Es gibt nur dies eine Gesicht, das ich nie sehen kann. Per speculum in aenigmate: Der Spiegel ist verrätselt, weil er vor uns, von uns getrennt ist. Eins geworden, hören wir auf, gegensätzlich und einander verrätselt zu sein.

Wenn die Mehrheit über Wahrheit abstimmt, kommt stets nur die Wahrheit ihrer Dummheit zum Vorschein.

Falls es Götter gibt, so sind es zahlreiche. Und sie lachen manchmal über sich: ἄσβεστος γέλως! Anzunehmen, daß irgendeine absolute Wahrheit in irgendwann schriftlich niedergelegten Glaubenssätzen stecken könnte, ist so absurd wie dumm und war bislang stets die Ursache von Fanatismus und daraus folgenden Streitigkeiten. Mythen sollen gefälligst zahlreich sein, sich widersprechen und zum Dichten und Denken anregen.

Zombies gibt es nur im Film und im öffentlichen Nahverkehr einer Großstadt.

Guter Whisky hat Charakter; Gutmenschen haben ihn nicht.

Bücherverbote helfen der Preisfindung und sorgen für eine direkte Beziehung zwischen Händler und Käufer, indem Vermittler wie Ladenauslage, Internet, Katalog etc. ausgeschaltet werden.

Schön ist nur das, von dem ein unerklärlicher Rest verbleibt.

Politische Festlichkeiten sind Theater, Gelegenheit, sich gegenseitig wohlwollend auf die Schultern zu klopfen und unangenehme Dritte mit Ausschluß zu bestrafen. Die gehaltenen Reden rühren aus dem jeweils gültigen politischen Hymnenbuch. Die Claque darf die Hände bewegen, im übrigen Dasein wird sie mit sozialen Wohltaten ruhiggestellt.

Doppelmoral: das ist das Sicherheitsnetz unter dem Drahtseil.

Der Tod ist genau jener Zeitpunkt, ab dem den verpaßten Lebenschancen nicht mehr nachgetrauert werden kann.

Bezahlte Tröpfe meinen, alles müsse an ihrem Tropf hängen.

Übriggeblieben ist diffuse, letztlich nicht einlösbare Kollektivschuld, die nur der Manipulation von Massen dient, während der Einzelne immer unmündiger gemacht wird.

Am Anfang steht die Frage nach den eigenen Begriffen: woher stammen sie, was sagen sie aus, wer benutzt sie mit welcher Intention. Darauf folgt die Emanzipation vom Hergebrachten und Fremdgedachten.

Monotheismen können kaum andere Ansprüche haben als absolute, denn ließen sie neben dem ihren einen anderen Gott zu, stellte das den ihren in Frage. Darum die Verbrüderungsversuche der hiesigen Religioten mit den zugewanderten: nicht so schlimm, wir beten alle denselben Mobego an. Die Dummheit der Religioten ist stets eine grundsätzliche, sie stammt von der Wurzel, nicht von den Blättern.

Die Schere im Kopf ist nie die eigene Schere, sondern eine geliehene, fremde, ein Virus, eine Krankheit der Vernunft.

Der große, bildungsresistente und von den Zahlenden durchgezogene Haufen stellt keine industrielle Reservearmee mehr dar, zum einen weil er möglicherweise dazu gar nicht mehr in der Lage ist, andererseits durch Maschinen leicht und kostengünstig ersetzt werden mag.

Alle Gleichheits-, Gerechtigkeits-, Inklusionsphantasien sind also nur Propaganda zur Verschleierung der Ungleichheit, eben der Unbrauchbarkeit jenes Haufens.

Je mehr Werte hochgehalten werden, desto mehr entspricht dies Hochhalten nicht mehr dem realen Zustand. Es ist bunt bemalte Fassade.

Die Menschen brauchen Religion und Ketzerverbrennungen – das eine, um sich vom eigenen Denken abzuhalten, das andere, um sich zu zeigen, wie gefährlich eigenes Denken ist.

In wenigen Jahren werden Kameras auf den Straßen unnötig geworden sein: Den Gehirnen implantierte Chips werden die Augen benutzen und die Informationen drahtlos an Empfängerstationen weiterleiten. Man wird sich gegenseitig belauern und bespitzeln, die Auswertung übernehmen KI-Programme.

Die Zukunft ist entweder verlängerte Gegenwart, über die sich niemand Gedanken machen muß, da sie da ist – oder sie ist ein Schrecken, da sie das eigene Ende mitbeinhaltet. Geld horten, Lebens- und Krankenversicherung, Religion, das sind alles kleine Mittelchen gegen diese Zukunft, damit sie der Gegenwart ähnlich wird, die nicht aufhören soll.

Zweiter Punkt: Aktion. Jede Spekulation über zukünftige Mühsal hieße, dem aktiv entgegentreten, damit die Gegenwart zu vermindern, da diese nicht mehr voll ausgekostet werden kann, wenn ihr anderes den Platz streitig macht. Daraus folgend das Prinzip Hoffnung, es werde so schlimm schon nicht kommen. Tritt es trotzdem ein, dann mag man sich drein ergeben oder erst dann Widerstand leisten, die meisten tendieren in diesem Fall wohl zur ersten Variante, in der Erwartung, es werde schon enden.

Ein anderes Bild ist der Krieger, der seinen Geist vor der Schlacht leert, weder Gegenwart, noch Hoffnung haben darin Platz.

Wir aber sind keine Krieger.

These: Eine Aussage ist wahr, wenn sie mit möglichst vielen Umgebungsvarianten harmoniert.
Beispiel. Aussage: Othello ist weiß.
1. Wir kennen das Stück. Aussage ist falsch.
2. Wir sehen das Stück auf der Bühne. Aussage ist falsch.
3. Wir sehen den Film. Aussage ist falsch.
4. Der Regisseur hat Venedig nach Kapstadt verlegt, alle Darsteller bis auf Othello sind schwarz. Aussage ist richtig, bezogen auf diese Aufführung, sonst falsch.

Man kann in 1000 Sprachen miteinander reden, aber nicht in der der Vorurteile.

Das Eigene, das ist die Interpretatio Germanica, also der durch die Zeit gewachsene Blick auf Fremdes. Und wer ist sich fremder als man selbst.

Der Krieg ist die Steigerung politischer Idiotie mit anderen Mitteln.

Zum einen diente das System des Marxismus als Glaubensersatz, der sich säkularisiert und im sozialdemokratischen Umverteilungsmechanismus bestätigt, dann in diesem Vorgang erstaunt Parallelen zu Christentum und Mohammedanertum entdeckt.

Zum anderen die aufgezeigte, moralinsaure Leere der hiesigen Kirchen, die mangels eines Eigenen, mangels Transzendenz sich dem zuwenden, was sie nicht sein sollten: staatsbestätigenden Denk- und Handlungsmustern. So trifft sich Religion mit Regierung, und beide sind unfähig, die neue Bedrohung ihrer selbst zu erkennen, da sie in ihrem Denken befangen bleiben und das grundsätzlich Andere, das der eindringende ‚Glaube‘ mit sich führt, jene völlig andere Verquickung von Staat und Religion nämlich, nicht zu erkennen vermögen.

Dekadenz ist eine folgerichtige Kulturstufe – und fast immer eine Verfeinerung des Vorigen. Wir befinden uns nicht in einer Phase der Dekadenz, sondern der Gleichgültigkeit, des Abgestumpfseins.

„Des Pudels Kern“, ein Säzzerfehler. Eigentlich schrieb Göte, der sich auch Göthe oder Goethe nannte, „der Kirsche Kern“, nur amüsierte ihn die patakynologische Variante des offensichtlich von diversen Vierbeiner, die im Text herumfausten, verwirrten Säzzers dermaßen, daß er sie stehenließ, wohl wissend, daß sich Generationen von Textspürhunden daran ihre Schnüffelnasen plattdrücken würden.

Lesen bedeutet reisen: Man hat einen Ausgangspunkt, aber kein Ziel, jede Station führt zu einer anderen, manchmal zu mehreren. Die Horizonte weiten sich, es gibt keine Grenzen, nur die Zeit.

Mein Masochismus geht nicht so weit, daß ich mich selbst lieben könnte.

Auf den Seiten 102-104 (deutsche EA) seines Buches „Einhorn, Sphinx und Salamander“ beschreibt Jorge Luis Borges den Phönix. Obgleich solch ein Tier noch nie gesichtet worden ist, hielt es seit den Ägyptern Einzug in Schriftlichkeit und Kunst. Es wäre schwer, den Nachweis zu führen, daß es solch ein Tier in der Realität gäbe; schwer wäre es, den Nachweis zu führen, es gäbe kein solches Tier in der Realität. Was zählen all die Menschen, die keinen Phönix gesehen haben, gegen die Visionen oder Fieberträume der wenigen.

Bildung, Selbstreflexion und künstlerisches Schaffen waren früher nur denen möglich, die sich mit dem dazu nötigen Freiraum ausstatteten, entweder durch Geburt, Können oder Reichtum. Den anderen mußte grad soviel beigebracht werden, daß sie ihre Arbeit zu erledigen vermochten. Heute, wo zivilisierte Gesellschaften wie die unsere es allen ihren Mitgliedern erlauben könnten, das zur Lebenserhaltung Notwendige zu überschreiten und in den Raum persönlicher Freiheiten vorzudringen, wird eben dies durch staatlichen Paternalismus und Infantilisierung verhindert.

Nun könnte darüber sinniert werden, welches schlimmer ist, die alte oder die neue Methode der Herrschaftssicherung. In jedem Fall war die alte offener, die Unterschiede und Fronten waren klarer. Die neue Form läßt jeden Glanz, den Nachdenken und Kunst der früheren verliehen, vermissen, da ihre Oberschichten nicht durch die traditionellen Auswahlkriterien an die Macht gelangten, sondern sich innerhalb gesellschaftlicher Subsysteme wie Parteien hochmogelten, hochschleimten.

Während der nackte Körper mangels innerer Qualitäten sowie mangels Seele für keine Verheißung stehen mag, verheißt der angemessen bekleidete die Nacktheit. Damit bleibt er nur so lange Verheißung, wie Teile von ihm bedeckt bleiben.

Die Götter waren bisher geschwätzig wie Diderots „Kleinode“. Sie haben sich so ziemlich jeder Sprache außer des Klingonischen bedient, das kannten sie noch nicht. Zum Glück ist alles, was sie sprachen, dermaßen widersprüchlich, daß es der Beachtung nicht wert ist.

Willensfreiheit: An diesem Problem knabbern Philosophen bereits seit ca. 2500 Jahren und haben verschiedene Meinungen dazu geäußert. Man könnte also argumentieren: Da es verschiedene Ansichten über das Vorhandensein von Willensfreiheit gibt, müßte diese vorhanden sein, denn andernfalls müßte, genetisch bedingt, eine vorherrschen, die wenigen anderen auf biologische bzw. krankhafte Abweichungen zurückzuführen sein.

Sich um Leitkultur sorgen bedeutet, daß keine da ist, denn sie zeichnet sich ebenso wie Luft durch ihr bloßes, undiskutiertes Vorhandensein aus.

Wären wir plötzlich Echsenwesen, würden wir uns unseres Menschsein entsinnen?

Die wahre Beschäftigung mit dem Tod besteht aus Wiederholung. Das Lesen des Lebens wie das Lesen eines vor Zeiten gelesenen Romans. Erinnerungen wie Steine auf dem Weg: die Inschriften der hinten liegenden sind bisweilen deutlich, manche überdeutlich, die der vorne harrenden bis zur Unkenntlichkeit verschwommen.

Verirrungen des Geistes gleichen einer Weichzone, dort wird seine Unbestimmtheit sichtbar. Also Theologie, Okkultismus.

Ein Gutteil heutiger Verblödung mag darauf zurückgeführt werden, daß Bilder und Videoclips unser Denken belagern.

Raum ist sowohl gefrorene wie fließende Zeit.

Nur zwei unsterbliche Götter: Terminus und Janus.

KI. Die künstliche Intelligenz in Durrells „Tunc“ und „Nunquam“: Ist sie bereits allzu intelligent, so daß sie an sich und der sie umgebenden Menschheit zwangsläufig scheitern muß? Wenn schon einem nur wenig überdurchschnittlich intelligentem, menschlichem Wesen das, was man so freundlich ‚Mitmenschen‘ nennt, gehörig auf die Nerven geht, was geschieht dann in einem wesentlich scharfsinnigerem, mit mehr Information beladenem Gehirn, und sei es auch ‚nur‘ künstlich? Wird es sich seiner menschlichen Züge entledigen, aus Scham, aus Überdruß? Was geschähe, bekäme es Macht? Zwangsläufig Skynet?

Durrels Roboter ist der Nachbau, besser die Nachschöpfung, eines menschlichen Wesens. Würde eine KI ebenfalls diese oder eine vergleicbare Form wählen? Würde sie sich je nach Aufgabe optimieren zu vielgestalten Einheiten? Oder würde sie Flexibilität vorziehen, also möglichst kleine Einheiten, die sich je nach Bedarf zu größeren zusammenfügen?

Skynet. Eine unwahrscheinliche Dystopie, die zuviel Menschliches mit sich führt. Könnten nicht Nanoteilchen menschliche Gegner invasiv bekämpfen, und wären sie auf diese Weise nicht wirklungsvoller als solch eine offene Materialschlacht? Bei der Bekämpfung der Menschen könnte die Grenze zwischen Biologie und Technik durchlässig werden: virengroße Nanos mit Camouflage aus organischen Hüllen.

Politik: Ansonsten hat das eigentlich als Possenspiel angedachte Stück eine dramatische Wende genommen und gilt nun als veritable Tragödie ohne deus ex machina.

Das Plebejische jeglicher Uniformität. Dazu bedarf es nicht des Äußeren, nicht der Mao-Anzüge, der innere Gleichmarsch genügt, das normierte Einheitsdenken samt Neusprech.

Heute läßt sich das Plebejische in den sogenannten höchsten Kreisen am anschaulichsten finden.

Alien I-IV. Der Schrecken unterhält uns, da wir den Schrecken in uns nicht kennen, weder kennenlernen noch begreifen wollen. Nicht einmal die Gefäße mit mißglückten genetischen Experimenten können uns erschüttern. Was ist ὕβρις, fragt sich das Monster in uns und lächelt dumm.

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