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Einige Bemerkungen zum Juvenal von 1501

Nobilitas sola est atque unica virtus.

→ VIII,20Adel liegt einzig und allein in der Tugend.

Es handelt sich um den vierten der kleinen Oktavdrucke  (i) Renouard 29,6 — Adams J770 — Schweiger II,i,507 — Ebert 11215 — Isaac 12767 — Pierpont Morgan Library PML1397 — Fock: v.d. Pahlen p. 12. in der für dieses Format neu geschaffenen Kursiv  (ii) Zur aldinischen Kusiv: Nicolas Barker: The Aldine Italic, in: David S. Zeidberg: Aldus Manutius and Renaissance Culture. Essays in Memory of Franklin D. Murphy. Florence: Leo S. Olschki, 1998, pp. 95-107., nach den aldinischen Vergil-, Horaz- und Petrarca-Ausgaben desselben Jahres.

Schweiger: „Erste, ächte Aldine, welche e. neue Recens. des Textes enthält aus Hdschr. u. ältern Ausgg. - Sie hat den Anker des A. nicht, die Schlussschr. ist mit Cursiv gedr.“  (iii) Franz Ludwig Anton Schweiger: Handbuch der classischen Bibliographie. Leipzig: Friedrich Fleischer, 1832. Band II,i. p. 507.

Diese Aldus-Ausgabe hat nicht allein der Schönheit ihres Satzes wegen — dies hat sie mit anderen gemein — besondere Aufmerksamkeit verdient, sondern auch weil ein weiterer Druck mit der Jahresangabe 1501 im Kolophon existiert, der jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit vierzehn Jahre später die Pressen verließ  (iv) Harry George Fletcher III: New Aldine Studies. Documentary Essays on the Life and Work of Aldus Manutius. San Francisco: Bernard M. Rosenthal, Inc., 1988. pp. 128-134. Siehe auch unten Fußnote vi., und mindestens zwei Lyoner Contrefaçons aus den Jahren 1502 und 1503 versuchten, ihr den Rang strittig zu machen.

Die Aldine enthält die Satiren Juvenals und Persius’: Juvenal: [131], [1 weiße] Seiten; Persius: [23], [1 weiße] Seiten; Lagenkollation: Juvenal: A-G8, H10; Persius: a8, b4. Die maximale Blattgröße dürfte Fletcher zufolge 166 x 103 mm betragen  (v) Fletcher, op. cit., p. 89.; es versteht sich, daß der geneigte heutige Sammler sich notgedrungen mit etwas weniger zufrieden geben wird. Zwei Kolophone befinden sich im Buch, der erste auf fol. H10r: „VENETIIS APVD ALDVM.“ sowie ein weiterer, ebenfalls einzeilig gesetzter auf fol. b4r „Venetiis in aedibus Aldi. Mense Augusto. M. DI.“.

Die Kolophone der anderen Aldus-Ausgabe des Jahres 1501 (= 1515) sind dagegen zwei- bzw. dreizeilig in Antiquamajuskeln gesetzt: „VENETIIS IN AEDIBUS ALDI, | ET ANDREAE SOCERI.“ sowie „VENETIIS IN AEDIBUS ALDI, ET | ANDREAE SOCERI. MENSE | AVGVSTO M.D.I.“

Beide Ausgaben kollationieren identisch, jedoch weist die zweite das aldinische Holzschnittsignet auf dem Titel, sowie Blattzählung auf, und die Lagensignaturen sind nicht wie in der ersten mit römischen Ziffern, sondern indisch-arabischen versehen. Auch textlich sind zahlreiche Unterschiede festzustellen, deren auffälligster die häufige Ersetzung von „et“ durch „&“ sein dürfte. Es handelt sich also um einen Neusatz.  (vi) Fletchers Argumentation, abgekürzt: Das Signet (Nr. 5) des zweiten Druckes verweist in dieser noch nicht abgenutzten Form auf den Zeitraum 1512-1517; die Verwendung indisch-arabischer Ziffern in den Lagensignaturen ist, Nachdrucke außer acht gelassen, auf die Jahre 1515-1516 beschränkt, das &-Zeichen wurde nach Aldus’ Ableben und dem Eintreten der Asolani-Söhne in die Firma bevorzugt. Also kann mit einiger Wahrscheinlichkeit 1515 als Entstehungsdatum der zweiten Aldus-Ausgabe von Juvenal und Persius angenommen werden. Cf. Fletcher, op. cit., pp. 128-134.

Ein weiteres Kriterium, wichtig vor allem bei Mischexemplaren, sind die Wasserzeichen. Zur ersten Ausgabe wurden zwei Sorten Papier verwandt: solches mit drei stilisierten Bergen sowie Kreuz darüber dazu der Gegenmarke: „AB“ und ein weiteres nur mit der Gegenmarke „A“. In der zweiten ist das Wasserzeichen durchgängig ein Kardinalshut ohne Gegenmarke.  (vii) Cf. Christie’s, London, Wednesday 3 May 1995, no. 30.

An vier Stellen im Text der Ausgabe des Jahres 1501 ist griechischer Satz zu finden: Im Juvenal auf fol. E7r und fol. F7v, beides die dritte aldinische griechische Type  (viii) Der unregelmäßige Stand der dritten aldinischen griechische Type im Juvenal von 1501 ist darauf zurückzuführen, daß die Lettern einzeln auf die geringere Zeilenhöhe abgefeilt werden mußten., im Persius auf fol. a1r sowie auf fol. b4r unter dem Kolophon, dies beides die vierte aldinische griechische Type, was nahelegt, daß diese zwischen der Satzlegung beider Teile fertiggestellt wurde.

Es existieren zwei, wohl Lyoner Contrefaçons des folgenden und des Jahres 1503, die sich vom aldinischen Original durch Zeilenlängen und Satz, das fehlende Griechisch — „... cette lacune a pour cause le manque de charactères grecs dans l'imprimerie des Lyonnois“ (Renouard, p. 30) — sowie die Fortlassung des Kolophons auf fol. b4r unterscheiden.  (ix) Luciana Bigliazzi et al.: Aldo Manuzio tipografo 1494-1515. Firenze: Octavo, 1994. p. 187, noo. 134.2 und 134.3, mit Seitenabbildungen aus den beiden Contrefaçons.
Fletcher, op.cit., mit Abbildungen auf pp. 93 & 94.

 

Aldus: Juvenal et Persius, 1501. Titel
Aldus: Juvenal et Persius, 1501. Seiten
Aldus: Juvenal et Persius, 1501. Seiten
Aldus: Juvenal et Persius, 1501. Kolophon

 

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