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Über die Preisfindung bei Büchern

Namentlich, daß die Kostspieligkeit niemandem Hinderungsgrund sei, ein Buch zu erwerben, besitzt er das dazu erforderliche Geld, ausgenommen dem stünde die Böswilligkeit des Händlers oder die Erwartung einer günstigeren Gelegenheit entgegen.

Richard Aungerville: „Philobiblon“

Inhalt:
→ Über die Preisfindung bei Büchern
→ Exkurs 1: Normierung v/s Individualität
→ Exkurs 2: Die Preise der Inkunabelzeit
→ Exkurs 3: Die Preise von Drucken der Kelmscott Press

   
 

Ein Lobpreis des Buches

 
 

Preise antiquarischer Bücher sind – so will es das Offensichtliche – in den letzten Jahren, hierin anderem gleich, Opfer zunehmender Transparenz. Wo früher nur das Jahrbuch der Auktionspreise und die gesammelten Kataloge Aufschlüsse über den Preisstand und dessen Entwicklung boten, steht heute das weltweite Netz zur Verfügung.

Jedes Werk, die einmaligen und seltenen ausgenommen, läßt sich dort vielmals finden, je höher die ursprüngliche Auflage, desto größer die Menge des Angebotenen und desto breiter die Spanne geforderter Preise wie mehr oder weniger genau beschriebener Erhaltungszustände.

Wenn einst – denn Preise sind stets die jeweilige momentane Übereinkunft des Anbietenden und des Bietenden – zwischen den beiden Parteien ein modus gefunden wurde, verlagert sich der Prozeß des Übereinkommens bei den Plattformen auf die Vielzahl der Anbieter, deren Angebote gegeneinander ausgespielt werden: denn die Plattform hat kein Interesse an der persönlichen Vereinbarung zwischen Antiquar und Sammler, zwischen ‚invitatio ad offerendum’ und Angebot, da ihr dies die Provision entzöge, sondern in ihrem Blickwinkel gilt nur die Menge: allein die Masse der bei ihr eingestellten Bücher ist ihr Erfolgsmaß. Anbieter und Käufer müssen beide selbst zurechtkommen, ihre wechselseitige Kontaktaufnahme sollte möglichst nur mittels des Warenkorbs der Plattform geschehen, eine der unangenehmsten Verarmungen des antiquarischen Handels im Zeitalter des Internetzes, denn sie hat das Verstummen des persönlichen Dialogs zwischen Antiquar und Sammler zur Folge, der in seinem idealen Ablauf beide bereicherte. Sind die Differenzen der Preise eines Objektes zu groß und durch Kriterien wie Zustand, Einband, Provenienz, Widmung etc. nicht mehr zu erklären, kann dies zu einem Kaufhinderungsgrund werden, daher versuchen die Plattformen die Einhaltung gewisser Qualitätskriterien bei ihren qualitativ durchaus arg unterschiedlichen Einstellern durchzusetzen – und bleiben damit relativ erfolglos.

In Auktionen wird die klassische Situation zwischen Anbietendem und Bieter durch den dazwischentretenden Dritten, die Anzahl fremder Gebote, verändert, was dazu führen mag, daß einmal die Preise enorm steigen: dies bedeutet, es fanden sich mindestens zwei, die dasselbe im selben Moment wollten. Ein andermal wird das Werk für ein so Weniges an Geldeswert zugeschlagen, daß dies nicht seinen wirklichen, weder den ursprünglichen noch den zeitlichen, Marktwert wiederspiegelt. Auktionsergebnisse sind demzufolge mit Vorsicht zu betrachten, höchstens ein Richtpfeil, wohin die Preisentwicklung führen mag.

Ausgenommen Auktionen also findet das Werk seinen Preis durch eine Vielzahl von Faktoren auf beiden Seiten des Verhandlungstisches. Außer acht lasse ich den Fall, daß das Buch der Klasse ‚Müll’ zuzurechnen ist, dann sollte es nicht angeboten werden (was auf den Plattformen leider immer wieder geschieht), sondern entsorgt.

Für alle anderen Fälle gilt, daß die Preisfindung sowohl subjektive wie objektive Komponenten birgt.

Subjektive sind zum Beispiel die Vorlieben des Händlers wie des Sammlers und die Hoffnung beider Seiten, am Ende den größeren Vorteil aus dem Geschäft zu ziehen, mag dieser nun psychologisch, ästhetisch, bibliophil oder wirtschaftlich sein.

Objektive Komponenten sind Preisgestaltung anderer Anbieter, ähnlicher Objekte, Angebot und Nachfrage.

Der Erhaltungszustand steht irgendwie dazwischen, denn in ihm vereinen sich objektive wie subjektive Kriterien: manche Sammler mögen das perfekt erhaltene Stück nicht, andere schätzen es über alle Maßen; Widmungen und Marginalien gelten nur als Mangel, sind sie unschön oder unbedeutend; der Einband der Zeit ist dem späteren vorzuziehen, außer es handelt sich dabei um einen besonderen.

Andererseits wird der Händler beim Unikat zwar dessen Erhaltungszustand in Erwägung ziehen, auch die Mühe beziehungsweise den Aufwand, das Stück in einen standesgemäßen Status zu versetzen, doch bleiben diese Erwägungen außerhalb der eigentlichen Bedeutungssphäre des ‚Unikalen’ und dessen besonderen Reizes.

Und dann gibt es noch eine andere Klasse von Büchern, die sich der einfachen Wertbestimmung zu entziehen versuchen, jene Werke mit einer Aura: der des Vorbesitzes; Bücher, die mit einer Geschichte verbunden sind; andere, die wir mit einer persönlichen Geschichte zusammenbringen.

Jene Bibliophilen, die sich dauerhaft wie intensiv mit ihrer Leidenschaft abgeben, werden merken, daß die Bücher in ihren Regalen und Vitrinen, den interessanten unter den Menschen ähnlich, Individuen sind, die nicht gedanklich zerteilt werden möchten in Einband, Papier, Typographie, Illustration, sondern als jeweils Ganzes, als kleine Gesamtkunstwerke betrachtet, denn bereits der Akt bewußten Zusammentragens fügt ihnen die Aura hinzu: der bedeutungsvollste Vorbesitz ist immer der eigene.

Noch ein Wort zu nagenden Erinnerungen an die entgangenen Schätze: Fehlkäufe können entsorgt werden, indem man sie wieder dem samsarischen Rad des Handels anvertraut, aber jene verwunschenen Bücher für die grad, wie so oft, das Geld nicht langte oder bei denen ein anderer schneller war – sie bleiben dem Gehirn treu in ihrer initialen Treulosigkeit, sind anderswo, fern von mir, enteilt wie eine flüchtige Begegnung auf der Straße.

Es fehlt mir ein passabler Schlußsatz.

Wie kann ich das Erleben des Sammelns oder des Handelns in ein paar trockenen Worten zusammenfassen, wenn ich etwa vierzig Lebensjahre samt ihrer Wechsel und Veränderungen darauf verwandt habe? Endstück

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Exkurs 1:
Normierung v/s Individualität

 
 

Nochmals zu den Plattformen: sie sind normierend – gewesen und immer noch. Sie geben den bei ihnen Bücher einstellenden Antiquaren Anzahl wie Reihenfolge der Datenbankfelder vor, selbst auf den Inhalt der Felder nehmen sie gleichmachenden Einfluß. Vor Internetzzeiten war das Antiquariatsgewerbe zwar nicht anarchisch, aber den persönlichen Präferenzen blieb ein gewisser, relativ großer Spielraum offen, solange der Händler von seinem Kunden verstanden wurde. Auch sind die Ansichten der Plattformbetreiber meist fachfremd, ein treffendes Beispiel sind die Kategorien des Zvab, die nichts, rein garnichts mit antiquarischen Büchern zu tun haben.

Selbst die Darstellung der Suchergebnisse ist dem Inhalt unangemessen, zum einen, da es unmöglich ist, billige Gebrauchsbücher, wissenschaftliche Werke, bibliophile Kostbarkeiten und frühe Drucke über einen Leisten zu scheren, denn jedes von ihnen hat seine besonderen Anforderungen an die Darstellung auf dem Bildschirm oder im Katalog. Um nur einige der von mir intendierten Kriterien zu erwähnen: Textlänge, Umbruch des Textes, Hervorhebungen, Darstellung der Bilder. Zum andern, weil sich in jeder größeren Datenbank genügend Datenmüll befindet, der eine längere Ergebnisliste aus reichlich disparaten Einträgen zum unerfreulichen, zeitraubenden Anblick degeneriert.

Leider hat sich mit den sinkenden Niveau der Kommunikation auch eine gewisse Hilflosigkeit verbreitet: man steht der Zukunft unsicher gegenüber: soll man nun ‚mit der Zeit’ gehen und an allem, was das Internetz bietet, teilhaben – oder nur an einigem, den Rest, Twitter zum Beispiel oder alles, was unter Web 2 zusammengefaßt wird, ablehnen?

Denkbar wäre, jenseits der nivellierenden Plattformen, eine wieder größere Individualität jener Antiquare, die auf eben diese noch Wert legen, sei es aus persönlichen Gründen, sei es ihrer Ware wegen, und die sich zwecks dessen auf ihren eigenen Seiten der Möglichkeiten bedienten, die Technik wie Kommunikation im Netz dafür bieten, um gleichzeitig mittels der modernen Verständigungsformen eine neue Gemeinsamkeit, eventuell eine gemeinsame Basis zu erschaffen. Endstück

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Exkurs 2:
Die Preise der Inkunabelzeit

 
 

Zuerst die Relationen: das auf Pergament gedruckte Exemplar war drei- bis zehnfach so teuer wie das auf Papier. Die zeitgenössischen Preisangaben für die Gutenbergbibel schwanken zwischen 34 Gulden für das unrubrizierte, nicht gebundene Exemplar bis zu 100 Dukaten für ein rubriziertes, gebundenes. Allgemein waren die Bücherpreise zwischen 1460 und 1470 hoch, bis auf dünne Bändchen waren immer ein bis mehrere Gulden fällig.

Doch kostete dem Bischof von Aleria, Johannes Andreae de Bussis, zufolge um 1467 das gedruckte Buch zu Rom nur ein Fünftel des handgeschriebenen.


Die Währungen

Drei Gulden, französisch Florin, des deutschen Sprachgebietes entsprachen in ihrer Kaufkraft etwa zwei Dukaten, nach anderen Quellen lag das Verhältnis bei vier zu drei; der Dukat bestand aus Gold mit einer Reinheit von 986 Promille und wog etwa 3,5g, venezianische Dukaten wurden bis 1797 geprägt und waren somit wohl die stabilste, nachhaltigste Währung Europas. Dagegen setzte sich der rheinische Gulden im deutschen Reich zwar als einigermaßen stabiles Handelsgeld durch, erfuhr aber eine Wertminderung von 3,35g Feingold im Jahr 1386 auf nur 2,5 g im Jahr 1490.

Auf einen Gulden kamen im allgemeinen 240 Heller, ein Meister erhielt um 1489 täglich neben Kost sowie einem Maß Wein sommers 48 Heller, winters jedoch nur 36 Heller. Um 1520 verdiente ein Augsburger Maurergeselle etwa 25 Dukaten im Jahr; ein venezianischer Oberkalfaterer, der im Arsenal für das Abdichten der Schiffsrümpfe verantwortlich war, 100 Dukaten p.a..

1495 beklagte sich Leonardo, er habe für 36 Monate nur 50 Dukaten bezogen, es sei ihm kaum möglich gewesen, davon sechs Leute zu unterhalten. 600 Dukaten entsprachen um 1499 zwei großen Altarbildern beziehungsweise zwei Jahresgehältern eines höheren Beamten. Aus 2000 Dukaten jährlich bestand die Apanage der Brüder Galeazzo Maria Sforzas. Tizian erhielt um 1526 für die „Madonna des Hauses Pesaro“ inclusive Keilrahmen 102 Dukaten. Ein Dukat entsprach im Venedig dieser Zeit fünf Kilo Muskatnüssen, 300 Gramm Lapislazuli, 25 Kilogramm feinem Bleiweiß bzw. Indigo, oder zehn afrikanischen Straußenfedern; die Monatsmiete eines Ladengeschäfts im Stadtteil Rialto betrug damals fünf Dukaten.


Die Bücherpreise

Die erste uns überlieferte Preisliste ist die der römischen, deutschstämmigen Konrad Sweydenheym und Arnold Pannartz: sie umfaßt achtzehn zwischen 1468 und 1471 angebotene Bücher, teils ein Verlagsprogramm, Ciceros „De Officiis“ und Lucan waren mit je einem päpstlichen Gulden relativ günstig zu erstehen im Vergleich zu Livius, sieben Gulden, oder dem „Gottesstaat“ des Augustinus mit fünf Gulden.

Steigende Produktion ließ die Preise in den folgenden Jahren sinken: in Italien fielen sie zwischen 1470 und 1480 um die Hälfte bis zwei Drittel. Ausnahmen im Preisverfall waren die von Aldus Manutius gedruckten Werke, vor allem die griechischen: ein Dukat entsprach zwanzig bis vierundzwanzig Folio-Quinternen. Zweieinhalb Dukaten kostete hingegen eine Laute mit Koffer. Endstück

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Exkurs 3:
Die Preise von Drucken der Kelmscott Press

 
 

Am besten verkauften sich die in Golden type gesetzten Drucke, davon waren die Shakespeareschen Sonette der ‚Renner’ – „The History of Godefrey of Boloyne“ erwies sich dagegen als Ladenhüter, und Jane Morris verschenkte die Restauflage 1897 an öffentliche Bibliotheken; an den kleinformatigen verdiente Morris im Vergleich mehr als an den großen, der „Chaucer“ bereitete ihm reichlich Kopfschmerzen.

Das erste Buch der Presse, „The Story of the Glittering Plain“, noch ohne die Illustrationen der zweiten Kelmscott-Ausgabe, kostete als Papierexemplar 2 Guineas (1 Guinea gleich 21 Shillings, also £1-1s-0d), auf Pergament 12 bzw. 15 Guineas; „The Poems of William Shakespeare“ waren mit 25 Shillings bzw. 10 Guineas vergleichsweise günstig.

 

Der „Chaucer“

Die „Taschen-Kathedrale“, der Chaucer, kostete den Kunden als Papierexemplar in der üblichen Broschur mit steifen Pappdeckeln und Leinwandrücken 20 englische Pfund, als Pergamentdruck 120 Guineas, die besonderen Einbände wurden extra berechnet; doch war die Herstellung dieses Meisterwerkes extrem teuer: £7217 11d, eine enorme Investition über den Herstellungszeitraum von vier Jahren und der Grund, daß die Auflage von den geplanten 325 Exemplaren auf 425 heraufgesetzt werden mußte. Burne-Jones z.B. erhielt £500 für seine Zeichnungen.
 

Tauschhandel

Aber nicht immer muß ein Preis die Verhandlungsbasis sein: William Michael Rossetti erhielt 1897 von S.C. Cockerell drei Kelmscott-Drucke für Morris’ Ölgemälde „Queen Genevere“, das er von seinem Bruder Dante Gabriel geerbt hatte und das einige Zeit verschollen gewesen war, nämlich „The Recuyell of the Historyes of Troye“, „Sidonia the Sorceress“ und „The Well at the World’s End“, vgl. den Katalog von Henry Sotheran & Co: „From William Michael Rossetti’s Library“, Nummern 1478, 1479 & 1480.
 

Die Lebensverhältnisse in Großbritannien waren sehr unterschiedlich.

Um 1850 umfaßte die englische Arbeiterklasse etwa ein Viertel der Bevölkerung. Eine Sonderstellung nahmen die etwa 750.000 nach England, Wales und Schottland eingewanderter Iren ein, von denen harte Arbeit für geringes Entgelt ausführt wurde. Am oberen Ende der Arbeiterhierarchie standen die Facharbeiter im Maschinenbau; die 5 bis 6 Schilling pro Tag verdienten; darauf folgte die große Masse der Fabrikarbeiter, deren tägliche Arbeitszeit um 1850 zwischen 15 und 16 Stunden schwankte. In der Baumwollindustrie, die überwiegend Frauen und Kinder beschäftigte, betrug der Tageslohn 2 bis 4 Schilling. Am schlechtesten bezahlt wurden Heim- und Hilfsarbeiter; jene, die in den Minen schufteten, verdienten 1870 fünf Schilling pro Tag, zwanzig Jahre später waren es nur noch drei.

Die Löhne der Facharbeiter, die um 1870 etwa 30 Prozent der englischen Arbeiterklasse stellten, stiegen zwischen 1850 und 1865 real um etwa 15 Prozent an, und da die Preise zwischen 1874 bis 1900 rückläufig waren, verbesserten sich die Reallöhne von 1860 bis 1900 um etwa 60 Prozent.

Im Vergleich dazu erhielt der Gouverneur der Insel Helgoland 1889 ein jährliches Gehalt von 800 Pfund Sterling. Endstück

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