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Zensur

Γνῶθι καὶ ποίει

Anläßlich einiger mehr oder weniger auffälliger Auslassungen bei den Suchen der internationalen Internetsuchmaschinen möchte ich, ohne das schier unerschöpfliche Thema mehr als anreißen zu wollen, ein paar Gedanken zur Zensur in den Raum meiner Angebotseite stellen.

These: Zensur ist eine der Methoden einer gesellschaftlichen Gruppe, sich selbst zu definieren, sich von anderen Gruppen oder Einzelnen abzusetzen und, soweit die Macht genügt, den inneren Druck nach außen weiterzureichen, damit ein Mittel, diesen Außenstehenden das eigene Muster zu oktroyieren, um einen eigenen Herrschaftsanspruch, und sei es auch nur einen der Auslegung einer besonderen Schrift oder einer eigentümlichen Weltsicht, zu festigen.

Das wohl erste Muster dieser Art wird von Plato ersonnen, der in seiner „Republik“ Fabeln und Märchen, die von Müttern ihren Kinder erzählt werden, durch Zensoren in gute und schlechte einteilen läßt. Auch sollten diejenigen Theaterstücke, die Unwahres von den Göttern berichten, der Zensur anheimfallen. Kunst ist dergestalt Hilfsmittel öffentlicher Erziehung.

Gesellschaftliches wie religiöses Leben sind dieser Anschauung gemeinsames Gut und damit der Vereinheitlichung ausgesetzt. Der Gegenpol zu jener reglementierten Lebensform, die Freiheit des Einzelnen, was Überzeugung und Religion anbelangt, trat erst später ins Bewußtsein der Menschheit – von Ausnahmen abgesehen, die uns halbwegs aufgeklärte Bürger einigermaßen zivilisierter Länder heute immer noch mit ihren mittelalterlichen Vorstellungen quälen möchten und ihren Ansatz als den allein seligmachenden vertreiben.

Viele aber, die da vorwitzige Kunst getrieben hatten, brachten die Bücher zusammen und verbrannten sie öffentlich und überrechneten, was sie wert waren, und fanden des Geldes fünfzigtausend Groschen.

Apostelgeschichte XIX,19

Das beginnende Christentum setzt sich auf diese wie andere Weisen von der umgebenden Gesellschaft ab, und ein jeder der frisch Bekehrten wendet sich von der eigenen heidnischen Vergangenheit fort, hin zu einer Heilserwartung, die an besondere Bedingungen geknüpft ist: das typische Sektenmuster, das wir bis in die Gegenwart vorfinden. Die nächsten Bannflüche betreffen die Reinheit des als göttlich angenommenen Kanons von Schriften. Apokryphes wie häretisches Material wurde ausgesondert: auf dem ersten Konzil von Nizäa wurden Arius und seine Schriften verurteilt, 496 gab Gelasius ein Dekret heraus, das verbotene Bücher listete, 1487 bestimmte eine Bulle, daß nur Schriften, die eine kirchliche Überprüfung passiert hatten, zu veröffentlichen seien, eine Anordnung, die 1521 von Karl V. übernommen wurde.

Einzigartig der Fall des spanischen Arztes Miguel Serveto, geboren 1511 in Aragonien, verbrannt am 27. Oktober 1553 zu Genf wegen der Verleugnung Gottes und Christi: „Michael Servetus has the singular distinction of having been burned by the Catholics in effigy and by the Protestants in actuality“ (Roland H. Bainton: „Hunted Heretic. The Life and Death of Michael Servetus“. Boston, 1953. p. 3).

Und nicht nur für ein zu Organisation erstarrtes Glaubensbekenntnis gilt das hier Gesagte:

Oh, there is more suffering to come. We have a thousand years of experience in this Church of ours. We can draw out your suffering endlessly. (...) That is what the church does and every church is the same: control, destroy, obliterate every good feeling.

Philip Pullman: „The Subtle Knife“. London: Scholastic Press, 2005. pp. 38 & 50-51).

In dieser Geschichte geistiger Unterdrückung – man könnte auch formulieren: Unterdrückung der Wahrheit und der Fülle des Lebens – folgte 1559/1564 der Index verbotener Bücher, der bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts auf eine Listung von etwa 4000, durchaus des genaueren Lesens werten Büchern anwuchs.

So mußte sich der Münchner Verleger Hertzog dazu verstehen, alle Bücher der Sozietät [SJ] anzunehmen und drucken zu lassen. 1614 machte er geltend, die Hälfte dieser Bücher bleibe ihm als Makulatur liegen, und beschwerte sich gleichzeitig über die Fülle der auf ihn einstürmenden Kontrollvorschriften.

Barge: „Geschichte der Buchdruckerkunst“, II,135

Die deutsche Zensur des 18. Jh. „hing ganz von der Laune der einzelnen territorialen Machthaber ab und war darum für die Drucker und Verleger der Bücher jederzeit unberechenbar. Im allgemeinen übte man sie streng und engherzig aus“ (Barge, op.cit., II,231).

Preußen erließ 1703 ein neues Zensuredikt, das 1747 und 1749 revidiert wurde; 1788 folgte im Anschluß an das Wöllnersche Religionsedikt das nächste. Erst mit Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III. wurde das Klima in Preußen etwas milder.

In England wurde 1803 die ‚Society for the Suppression of Vice’ gegründet, der 1873 ein Gegenstück aus New York folgte. Den Ursprung der Unterdrückung ‚obszöner’ Literatur bildet der ‚Obscene Publications Act’ oder ‚Lord Campbell’s Act’ von 1857. Kriterium für Obszönität wurde: „whether the tendency of the matter charged as obcenity is to deprave and corrupt those whose minds are open to such immoral influences, and into whose hands a publication of this sort may fall” (zitiert nach Britannica, ed. 1964, V,164), so Lord Chief Justice Alexander Cockburn (sic) 1868 im Hicklin-Fall.

Relativierung brachte erst 1959 eine Überarbeitung des ‚Obscene Publications Act’, die bestimmte, daß nicht zu verurteilen sei, wer im Interesse von Wissenschaft, Literatur, Kunst oder Bildung veröffentliche. Dies einzuschätzen, sollte die Meinung von Experten herangezogen werden, von denen man vermeinte, sie seien in der Lage, die Wissenschaftlichkeit oder den künstlerischen Wert zu beurteilen. Und das Werk sollte als ein Ganzes betrachtet werden, eine Methode die sich immerhin von der katholischen, einzelne Sätze aus dem Zusammenhang zu reißen und zu indizieren, abhebt.

So befand man dann 1960 in London, „Lady Chatterley“ sei nicht obszön, eine Ansicht, zu der sich die amerikanische Post nicht so schnell durchringen konnte.

Sade, nur um ihn in diesem Kontext nicht zu übergehen, kam aus dem Kreislauf von Gefängnissen und Anstalten nicht mehr heraus, was man in der Folge auf seine Herausgeber und Verleger wie zum Beispiel Jean Jacques Pauvert zu übertragen suchte.

Zurück nach Deutschland: Heinrich Heine und Georg Büchner entflohen deutschem Boden vor ihnen drohenden Prozessen. Und es wurde Oskar Panizza für seine „Himmelstragödie“ in Deutschland wegen Gotteslästerung angeklagt, zu einem Jahr Haft verurteilt, danach entmündigt und in eine Heilanstalt gepackt; Dehmels Gedicht durfte nur geschwärzt gelesen werden; und angeklagt wurden ebenfalls George Grosz, Kurt Tucholsky, Franz Masareel, Kurt Weill, Arno Schmidt, Herbert Achternbusch, &c&c. – und manche wie Rudolf Steiner entkommen nur um Haaresbreite dem virtuellen Scheiterhaufen.

Nous n’infligeons plus de tortures qu’anonymes et imméritées. Aussi bien sont-elles milles fois plus atroces, et c’est la peuple entier d’une ville que la guerre met à rôtir d’un seul coup. La douceur excessive du père, de l’institueur ou de l’amant sa paye par le tapis de bombes et le napalm et l’explosion des atomes. Tout se passe comme s’il existait dans le monde certain équilibre mystérieux de la violence dont nous avons perdu le goût et jusqu’au sens.

So Jean Paulhan im Jahre 1954 in seinem Vorwort zur « Histoire d'O ». Die deutsche Ausgabe steht auf dem Index, aber ich darf vielleicht übersetzen:

Wir martern nur noch anonym, und Leute, die es nicht verdienen. Deshalb sind diese Martern auch tausendmal grausamer, der Krieg röstet auf einen Schlag die gesamte Bevölkerung einer Stadt. Die exzessive Nachgiebigkeit des Vaters, des Lehrers oder des Liebhabers wird mit Bombenteppichen und Napalm und Atomexplosionen bezahlt. Alles geht vor sich, als existierte in der Welt ein geheimes Gleichgewicht der Gewalttaten, an denen wir den Geschmack verloren haben, ja, deren Sinn wir nicht mehr erkennen können.

Vielleicht haben wir nicht nur den ‚goût’ verloren, sondern auch ein Teil Empfindungsvermögen.

Was mich dazu brachte, diese paar Zeilen zum stets heiklen Thema zu schreiben, war die Unvereinbarkeit (in meinem Gehirn – nur dort, nicht in denen der Nachrichtenbastler) der Bilder jener verkohlten, geschlagenen, aufgehängten Leiber in New York, im Irak, im Iran und anderswo, man lese nur Voltaires „Candide“, es ändert sich nie etwas daran – und spätestens in diesem Stadium sehen wir alle gleich aus, verschwindet jeglicher Unterschied von Rasse und Religion – ist das das Ziel? – und der offensichtlich dilettantischen Zensurbemühungen von Internetsuchmaschinen, Internetplattformen bzw. der Bundesprüfstelle, uns vor den Unbilden des Lebens und unserer Gemüter zu behüten.

Auf der einen Seite tut man uns in den Nachrichtensendungen im Namen der Information und der Aktualität die Sicht grausamster Mißachtung menschlichen Seins an – auf der anderen möchte man uns vor Softpornos wie Clauren/Heuns „Mimili“ bewahren.

Auf der einen Seite lieben wir unsere Freiheit, an die wir uns so gewöhnt haben, daß wir sie kaum als vor garnicht langer Zeit noch vermißtes Gut wahrnehmen, ein Gut, das wir uns mühsam erobern mußten – auf der anderen Seite geben wir sie Stückchen für Stückchen hin für von Fundamentalisten und Ordnungshütern aufgestellte Regeln, die nicht die unseren sind, nur um unsere Ruhe zu haben, eine Ruhe, die wir dann, wenn diese intoleranten Doktrinisten durch unsere Nachgiebigkeit erstmal mächtig genug geworden sind, um ihre Engstirnigkeit als Gesetz zu erlassen, gewißlich nicht mehr haben werden.

In der Literatur wird dieser Kampf ebenso ausgefochten: Keith Roberts beschreibt in „Pavane“, wie das einem hypothetischen historischen Unfall entwachsene Unterdrückungsregime der römischen Kirche sich langsam abnutzt und seinem Verfall entgegentrudelt. Und Fritz Leiber zeigt in „Gather Darkness“ die Stärke der Revolutionäre daran, daß sie nach ihrem Sieg auf die wideraufklärerischen Mittel, denen sie ihren Erfolg verdanken und die jenen des alten Regimes gleichen, verzichten können, damit die überwundene Gesellschaftsform eben nicht zwanglos in die neue übergeht, damit sie und die Menschen, die sie bilden, sich tiefgreifend verändern, sich endlich selbst in die Freiheit entlassen.

Wer nicht über seinen von ihm verehrten Gott oder seine von ihm verehrten Götter, um niemanden zu diskriminieren seien sie alle, und seien es auch nur die materialistischen der Neuzeit, inbegriffen, über sie alle lästern und lachen kann, worüber will er dann lästern und lachen? Nur über die der anderen, falls er sie nicht schon im Namen seines Alleinseligmachenden verfolgt? Doch nein, Eiferer sind humorlos, sie stehen da mit ernster Miene und schauen dem Unheil, das sie anrichten lassen, mit zusammengekniffenen Lippen zu. Sie, die Karikaturen verabscheuen, sind die Karikaturen des Menschenbildes. Gegen sie können wir nur die Tabubrecher und Aufklärer setzen, Leute wie zum Beispiel Theo van Gogh und die dänischen Karikaturisten, die darum unsere Achtung verdienen.

Die Absurdität dieser, unserer Welt ist stets die Absurdität der sie bewohnenden Menschen. Doch vermögen wir in der Literatur ebenso wie in der Kunst, unsere Absurditäten zu benennen, sie aufzuzeigen, uns über uns selbst zu belustigen – um vielleicht ein Antidot zu ersinnen, ehe es zu spät dafür ist. Endstück

 

Those who would give up Essential Liberty to purchase a little Temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.

Motto auf der Titelseite von: “An Historical Review of the Constitution and Government of Pennsylvania”

Let every nation know, whether it wishes us well or ill, that we shall pay any price, bear any burden, meet any hardship, support any friend, oppose any foe, in order to assure the survival and the success of liberty.

John F. Kennedy: Inaugural Address. Friday, January 20, 1961.

 

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